40 Jahre Volkssternwarte Darmstadt e. V.

1969 - 2009

1969, im Jahr der ersten Mondlandung, gründeten zwölf Personen den Verein Volkssternwarte Darmstadt e. V.
Zu dieser kleinen Gruppe von Personen gehörte auch Rudolf Lehmann (* 17.1.1915, † 16.1.1991), der bei der Gründungsversammlung zum ersten Vorsitzenden des jungen Vereins gewählt wurde und diesen fortan 22 Jahre lang, bis zu seinem Tod im Jahr 1991, leitete.
Der gebürtige Sachse und Ingenieur der Elektrotechnik war, bevor es ihn nach Darmstadt verschlug, lange Jahre bei den Volkssternwarten in Dresden und München tätig. Die Eintragung des neuen Vereins in das Register beim Amtsgericht Darmstadt erfolgte am 28. April 1969.
Die wichtigste – auch in der Satzung verankerte – Zielsetzung des Vereins war die Errichtung einer astronomischen Beobachtungsstation – also einer Sternwarte – in und für Darmstadt. Viele Jahre lang wirkten Rudolf Lehmann und eine stetig wachsende Zahl von Mitgliedern auf dieses Ziel hin, sammelten Mitgliedsbeiträge und Spenden.
1972 wurden die ersten Himmelsführungen noch mit transportablen Instrumenten vor dem Hessischen Landesmuseum durchgeführt. Damit machte der Verein auf sein Anliegen, den Bau einer Sternwarte, aufmerksam. Vorträge wurden im Saal der Stadtsparkasse gehalten, später in der Technischen Hochschule.
Die ersten Jahre des Bestehens der Volkssternwarte Darmstadt waren geprägt durch Geldsammeln und Werbung in eigener Sache. Und die war auch nötig, denn das Vorhaben war kostspielig und der Weg dorthin hürdenreich.
Eine Sternwarte für Darmstadt
Doch glücklicherweise fand Rudolf Lehmann für das Vorhaben des Baus einer Sternwarte einen einflußreichen Förderer: Der damalige Oberbürgermeister Heinz-Winfried Sabais (* 1.4.1922, † 11.3.1981), der als Kulturpolitiker weit über die Grenzen Darmstadts hinaus bekannt war, zeigte sich an dem Projekt sehr interessiert.
Mit seiner Unterstützung und nach langen Verhandlungen, die oftmals nur dank der energischen Beharrlichkeit Rudolf Lehmanns Früchte trugen, wurde beschlossen, dass die Sternwarte für Darmstadt auf der Ludwigshöhe entstehen sollte, dem "Bessunger Hausberg".
Die Ludwigshöhe
Als "Kirchberg" oder "Milchberg" war er schon zu Zeiten des Großherzogs Ludewig I., der im ihm schließlich seinen neuen Namen verlieh, ein beliebtes Ausflugsziel gewesen.
Der Darmstädter Regierungspräsident erwarb vom Land Hessen ein Grundstück, das der Volkssternwarte Darmstadt für die Errichtung einer astronomischen Beobachtungsstation zur Verfügung gestellt wurde. Das Gelände war zuvor jahrzehntelang militärisch genutzt worden – zunächst während des Zweiten Weltkriegs als Nachtjägerleitstand und Flakstellung der Wehrmacht, später erfolgte eine Nutzung durch die amerikanische Armee als Standort für eine Funkstation.
Ein Teil des ehemaligen Hochbunkers wurde nach dem Kriegsende zum Löschwasserreservoir umfunktioniert. Dieser wird auch heute noch vom THW gewartet und im Bedarfsfall von der Feuerwehr genutzt.
Das ca. 1200 m² große Grundstück mit der Bezeichnung "Nr. 1/7 Gemarkung Darmstadt Flur 59" lag damals wie heute im Landschaftsschutzgebiet, somit war eine Baugenehmigung mit Auflagen verbunden. Ebenso musste der Löschwasserbehälter in das Gebäude integriert werden, ohne dessen Nutzung zu beeinträchtigen.
Nach eingehenden Verhandlungen stimmten sowohl die Naturschutzbehörden als auch das Bauaufsichtsamt den Plänen zu und erteilten die Genehmigung zum Bau des Observatoriums.
Doch erst durch die finanzielle Unterstützung der Stadt Darmstadt und durch viele Spenden konnte der Neubau verwirklicht werden.
Planer des Bauwerks war der Darmstädter Architekt Hans-Dieter Hill, der beim Entwurf des Observatoriums einige Herausforderungen zu meistern hatte. Sahen die ersten Entwürfe noch einen gewöhnlichen, rechteckigen Grundriss vor, mussten diese Planungen rasch verworfen werden.
Das Grundstück der Beobachtungsstation befindet sich innerhalb einer 200-Meter-Schutzzone um eine Funkmeßstelle der Deutschen Bundespost (heute heißt die betreibende Behörde "Bundesnetzagentur"). Damit deren Tätigkeit nicht durch unerwünschte Reflexionen von Funksignalen gestört wird, durften die Wandflächen der Sternwarte eine bestimmte Größe nicht überschreiten.
So entstand der komplizierte polygonale Grundriss des Observatoriums. Die Grundfläche setzt sich aus 75 gleichseitigen Dreiecken zusammen, jedes Dreieck mit einer Seitenlänge von 3,10 m, die wiederum eine Vielzahl ineinander verschachtelter Hexagone (Sechsecke) bilden.
Eine architektonische Meisterleistung, die allerdings für einen dramatischen Anstieg der Baukosten sorgte.
Für die großen Teleskope mit fester Montierung wurden vier Betonsäulen von 1,50 m Durchmesser rund vier Meter tief im Erdreich verankert freistehend aufgestellt. Um schon geringste Schwankungen zu vermeiden, durften diese Sockel keine feste Verbindung mit dem Gebäude haben.
Die Darmstädter Sternwarte sollte nicht gerade spärlich ausfallen. Als Resultat entstand eine der größten Amateursternwarten Deutschlands – und sie ist es noch heute. Der Bau erhielt drei – die Kuppel mitgerechnet sogar vier – Ebenen: Im unteren Geschoss sollten Eingangsfoyer, Werkräume und ein Fotolabor entstehen, darüber Bibliothek, Vortragssaal, Aufenthaltsraum und Toiletten. Daneben eine Zwischenebene bestehend einem dem großen Raum unterhalb der Beobachtungsplattform, der zur Ausstellungshalle ausgebaut wurde. Die beiden Plattformen bildeten die dritte Ebene des Bauwerks; von hier aus konnte man schließlich noch den Kuppelturm besteigen, der – abgesehen von der Spitze des benachbarten Ludwigshöhturms – die höchste Stelle Darmstadts ist.
Gemeinsam mit der Firma Donges Stahlbau in Darmstadt entwarf und konstruierte man das schwere Rolldach, das die Fernrohre auf der Beobachtungsplattform schützen sollte. Für die solide Stahlträgerkonstruktion mit Schienen und Rollen mussten Fachleute ans Werk. Jedoch sollte es über ein Jahrzehnt dauern, bis auch der passende Elektromotor, der das massive Dach bewegt, installiert wurde. Bis dahin waren die Mitglieder gezwungen, das Rolldach von Hand zu zu öffnen bzw. zu schließen, wozu stets mindestens zwei Personen an einem Strang ziehen mussten.
Ende der 1970er Jahre stand der Rohbau und es begannen die zeitraubenden und kostspieligen Innenausbauarbeiten, die von den Mitgliedern in eigener Regie durchgeführt wurden. Es dauerte noch einige Jahre, bis Aufenthaltsräume, Vortragssaal, Bibliothek und Werkräume fertiggestellt waren. Erst 1983 konnte die Sternwarte auf der Ludwigshöhe offiziell in Betrieb genommen werden. Die feierliche Einweihung erfolgte durch Oberbürgermeister Günther Metzger.
Bereits 1973 erwarb die Volkssternwarte Darmstadt – obwohl damals noch kein Sternwarten-Gebäude in Sicht war – zwei Teleskope des bekannten Münchner Ingenieurs und Amateurastronomen Günther Nemec. Beide Instrumente waren weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt, insbesondere der 20-cm-Refraktor mit vier Metern Brennweite, der von Nemec in der von ihm selbst erdachten charakteristischen Faltbauweise konstruiert wurde, ist heute legendär.
Der Refraktor gehört auch heute noch zu den größten und leistungsfähigsten Linsenteleskopen im Besitz einer deutschen Volkssternwarte.
Zum klassischen Bild einer Sternwarte gehört natürlich auch eine Kuppel, doch auf diese musste die Volkssternwarte noch einige Jahre verzichten. Zum einen hatte der Verein finanzielle Sorgen, zum anderen musste für den Bau einer Kuppel ein neuer Bauantrag gestellt werden, mit dessen Bearbeitung sich die Behörden viel Zeit liessen. So vergingen weitere Jahre, bis 1990 endlich der Autokran anrücken und die 3-Meter-Kuppel von Uwe Siegel (SIDERES) auf den Turm heben konnte. Der 20-cm-Nemec-Refraktor, der bis dahin auf der Beobachtungsplattform gestanden hatte, fand hier auf einer modernen Montierung einen neuen, würdigen Platz.
Jahrelang hatte der Bau des Observatoriums im Vordergrund gestanden, doch von Beginn an hat der Verein auch seine eigentliche Aufgabe – die Verbreitung von astronomischem Wissen – sehr ernst genommen. Schon im Gründungsjahr begann man mit der Herstellung einer regelmäßig erscheinenden Zeitschrift, den Mitteilungen der Volkssternwarte Darmstadt, später veranstaltete man Sternbeobachtungen auf dem Dach der Ingenieurschule oder auf dem Friedensplatz. Auch Exkursionen zu verschiedenen astronomisch interessanten Zielen fanden immer wieder statt.
Die Bedeutung der Volkssternwarte Darmstadt in der deutschen Astronomieszene wuchs, als der Verein 1977 die 13. Tagung der Vereinigung der Sternfreunde (VdS) in Darmstadt ausrichtete. Die VdS ist der größte überregionale Verein von Amateurastronomen im deutschsprachigen Raum. Bei der Tagung im Justus-Liebig-Haus, auf der auch das 25. Jubiläum der VdS gefeiert wurde, hatte die Volkssternwarte ihre Pläne zur Errichtung des Observatoriums der amateurastronomischen Fachwelt vorgestellt.
Als die Sternwarte auf der Ludwigshöhe fertig war, kamen endlich die Jahre, in denen die Astronomie in den Vordergrund trat. Zu dieser Zeit konzentrierte sich die astronomische Arbeit der Mitglieder auf drei wesentliche Gebiete: Sonnenbeobachtung, die Beobachtung veränderlicher Sterne und Sternbedeckungen. Von den praktischen Arbeiten an der Volkssternwarte wurden einige sogar überregional bekannt, so zum Beispiel die Sonnenbeobachtungen von Ulrich Bendel, der maßgeblich in der VdS-Fachgruppe Sonne mitarbeitete. Aber auch die Nebelbeobachtungen von Jürgen Ruppel wurden über Darmstadt hinaus bekannt.
Auch die Öffentlichkeitsarbeit konnte nun voran getrieben werden. Der Vortragssaal im Observatorium füllte sich regelmäßig zu Dia-Vorträgen oder den Tonbildschauen, die von Joachim Labudde gestaltet wurden. Die Bilbliothek füllte sich mit Büchern und Zeitschriften aus Astronomie und Raumfahrt – heute umfasst sie über 600 Bände.
Vor allem die Jugend interessierte sich sehr für die Sternwarte, so dass die Jugendgruppe bald zu einer der aktivsten Arbeitsgemeinschaften des Vereins wurde. Zu den wöchentlichen Treffen fanden sich regelmäßig ein Dutzend oder mehr Jugendliche ein.
1991 verstarb Rudolf Lehmann, der nach einem Schlaganfall seine Aktivitäten für den Verein schon stark hatte einschränken müssen. Sein Nachfolger als Vorsitzender wurde Hans Middelhauve. Nach dessen Rücktritt im Jahr 2000 übernahm Andreas Domenico, der dem Verein bis heute vorsteht, die Geschäftsführung der Volkssternwarte.
2002 richtete das Hessische Landesamt für Umwelt und Geologie im Gebäude der Sternwarte eine Erdbebenstation ein. Ein Jahr später eröffnete die Volkssternwarte ihre ständige Raumfahrtausstellung in Zusammenarbeit mit dem ESOC Darmstadt.
2008 wurde der Verein Volkssternwarte Darmstadt e. V. mit dem Ludwig-Metzger-Anerkennungspreis geehrt. Diese Auszeichnung ist eine Bestätigung für die Arbeit von vier Jahrzehnten und ein Ansporn, auch künftig für die Volksbildung in Darmstadt tätig zu sein.
2009 - im Jahr der 40-Jahr-Feier und dem "Internationalen Jahr der Astronomie" - eröffnete die Volkssternwarte Darmstadt den Planetenweg, der gemeinsam mit ESOC, Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald und der Stadt Darmstadt Marketing GmbH realisert wurde. 
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